Urbane Kunst: Graffiti Kurse für Senioren – Alles so schön bunt hier

Seit einiger Zeit schon brechen die Alten in eine absolute Jugenddomäne ein. Von Mönchengladbach über Kassel nach Magdeburg bis nach Augsburg und vielerorts mehr: Senioren malen bzw. sprühen sich die Welt wie sie ihnen gefällt.

Es scheint kaum eine Stadt zu geben, die keine Kurse anbietet. Denn selbstverständlich sollen die Senioren in diese junge Kunst eingeführt werden. Eine Spraydose ist ein Handwerkszeug und der Umgang damit kann erlernt werden.

Bei der Volkshochschule in Berlin Charlottenburg müssen die Senioren nur ihre Materialien bezahlen. Der Kurs ist kostenlos. Dafür „renovieren“ sie eine Wand in einem Altenheim. Ein erfahrener Dozent begleitet die Massnahme.* Klingt nach einer Win-win-Situation.

Gemeinsam gestalten

Anlässlich seiner Kurse für Ältere in Kassel sprach der Graffiti-Künstler Marcel de Medeiros mit der HNA: „Das Tolle an Graffiti ist, dass man nicht allein arbeitet. Es ist eine kollektive Kunstart, bei der man oftmals gemeinsam ein großes Bild gestaltet. Dieser soziale Aspekt macht Graffiti gerade für die Arbeit mit Älteren interessant. Zudem bekommt man, wenn man Flächen im öffentlichen Raum gestaltet, häufig ein direktes Feedback von Passanten. Man kommt über Graffiti ins Gespräch.“**

Die Senioren, überwiegend Frauen, sind begeistert. Bis 90 Jahren ist alles dabei. Mundschutz auf- und Lesebrille abgesetzt. Kapuzenpulli und Rucksack sind nicht zu sehen. Mit viel Engagement werden die gut überlegten Motive gesprüht. Wenn diese Senioren über Rückenbeschwerden klagen, dann weil sie sich zu lange gebückt haben, um auch den untersten Teil der Mauer zu verzieren. Und darum geht es ihnen auch. Schmierereien sind ihnen zuwider. Sie können jetzt Kunst von Kritzeln unterscheiden. Graffiti (oder im Singular Graffito) kommt übrigens aus dem Italienischen und bedeutet Gekratztes (das Verb dazu ist graffiare, kratzen).

Geht ins Auge

Der Unterschied izwischen Graffiti und Street Art ist nicht ganz einfach zu ziehen. Manche meinen, dass Graffiti eine Art „Reviermarkierung“ darstellt. Street Art Künstler wollen jedoch kommunizieren, eine Meinung präsentieren, oder einfach nur unterhalten, etwas für das Auge bieten. Ins Auge gehen kann es jedoch, wenn man nicht eine (möglichst schriftliche) Genehmigung vom Eigentümer zum Bemalen der Wände oder anderer Gegenstände hat. Wird man ertappt, muss man mit polizeilichen Ermittlungen rechnen, möglicherweise auch mit einer Verurteilung vor Gericht und dem Begleichen von Schadenersatzforderungen aufgrund von Sachbeschädigung.

Ins Ausland schauen

In Lissabon haben Senioren schon vor vielen Jahren das Sprayen für sich entdeckt. Lata 65*** setzt sich dafür ein, älteren Menschen ein kreatives Hobby zu ermöglichen, das sie auch mal ihren Alltag vergessen lässt. Marcel de Medeiros erzählt: „Ohne Witz, bei dem Kurs in Lissabon war eine 65-Jährige dabei, die danach nächtliche Streifzüge unternommen und illegal mit ihren Schablonen Graffiti gesprüht hat. Einmal kam die Polizei vorbei. Die Beamten haben dann aber die alte Frau gesehen und gedacht: Das kann nicht sein. Sie kam also davon.“

++Leo

Quellen:

*https://www.berlin.de/ba-charlottenburg-wilmersdorf/aktuelles/pressemitteilungen/2017/pressemitteilung.573921.php

**https://www.hna.de/kassel/neue-sprayer-generation-graffiti-kurs-senioren-kassel-6494859.html

***https://www.facebook.com/Lata65/

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